Kritik
Wenn die Dinge uns brennend auf den Leib
rücken, muß eine Kritik entstehen, die das Brennen zum Ausdruck bringt.
Sie ist keine Sache richtiger Distanz, sondern richtiger Nähe.
Offenhalten
Transzendenz und Inkarnation sind daher
symmetrische Vertikalbewegungen; beide haben den Sinn, den gefährdeten
Bezug zwischen der schlechten Mitte (des quantitativ Seienden) und der anderen Mitte (des wesenhaft Seienden) offenzuhalten.
Weg von sich
Sich suchen bedeutet an erster Stelle: den
Willen zu einem Weg haben; die Richtung des Weges jedoch kann
ursprünglich keine andere sein als das Weg! von sich.
Auge des Zyklons
Psychologisch gesehen hieße leben lernen
nichts anderes als durch eine Schule des Schwebens gehen. Schweben
heißt: weder-noch sagen können. Der Lebendige läßt sich niemals zwingen
zu wählen, weil er intuitiv weiß, daß er weder jemand noch niemand ist.
Er hat unweigerlich von allem etwas und ist doch nichts von allem. Wer
weder Gefangener seiner Selbstfindung noch Gefangener des
Selbstverlustes ist, ist frei. Wer die Freiheit kennt, kommt zu sich
wie ein Kind zur Welt. Er zieht sich aus allen Vorstellungen und aus
jedem Urteilen zurück. Darum kennt er keine Aufgaben mehr (nur die
Verrückten haben immer große Aufgaben), sondern nur noch Äußerungen.
Wer das Auge des Zyklons gefunden hat, löst sich in absolute
Lebendigkeit auf, die sich nirgendwo verstrickt in die kämpfenden
Brutalitäten mit ihren Positionen, ihren Werten, ihren Interessen,
ihren Begründungen.
Letzte Menschen
Insbesondere der sogenannte globale
Terrorismus ist ein durch und durch posthistorisches Phänomen. Seine
Zeit bricht an, wenn sich der Zorn der Ausgeschlossenen mit der
Infotainmentindustrie der Eingeschlossenen zu einem Gewalttheatersystem
für letzte Menschen verbindet.
Wider besseres Wissen
Handeln wider besseres Wissen ist das
globale Überbauverhältnis heute; es weiß sich illusionslos und doch von
der «Macht der Dinge» herabgezogen. So erscheint in der Realität als
Sachlage, was in der Logik als Paradox, in der Literatur als Witz gilt;
das formt eine neue Stellung des Bewußtseins zur «Objektivität».
Verdummung
Die Vergesellschaftung durch Schulung, wie
sie hierzulande geschieht, ist die Verdummung a priori, nach der kaum
ein Lernen mehr Aussicht bietet, daß die Dinge irgendwann besser würden
[...]. Im Grunde glaubt kein Mensch mehr, daß heutiges Lernen
«Probleme» von morgen löst; fast sicher ist, daß es sie auslöst.
Ausgeplaudert
Die moderne Ratlosigkeit vor der
fliehenden Zeit ist durch welthistorisches Erzählen nicht mehr zu
trösten. Die große GESCHICHTE von einst entpuppt sich als eine
evolutionäre List, die sich nicht verraten durfte, wenn sie wirksam
bleiben wollte: als ein aktiver autohypnotischer Mythos. Dieses
Geheimnis ist heute ausgeplaudert und um seine Wirkung gebracht.
Globalisierte Welt
Die globalisierte Welt ist die
synchronisierte; ihre Form ist die hergestellte Zeitgleichheit; ihre
Konvergenz findet sie in Aktualitäten.
Unverstandene Größe
Die alte Welt kannte den Sklaven und
Unfreien - sie waren die Träger des unglücklichen Bewußtseins ihrer
Zeit. Die Moderne hat den Verlierer erfunden. Diese Figur, der man auf
halbem Weg zwischen den Ausgebeuteten von gestern und den Überflüssigen
von heute und morgen begegnet, ist die unverstandene Größe in den
Machtspielen der Demokratien.
Trauer
Der wichtigste Teil jeder Trauer muß vor dem Tod des wesentlich Anderen vollzogen sein, soll sein Verlust nicht zur Versteinerung des Zurückbleibenden führen.
War on terror
Der war on terror besitzt die ideale Eigenschaft, nicht gewonnen werden zu können - und daher nie beendet werden zu müssen.
Axiom
Das Axiom der alltäglichen Geschäfte
lautet bekanntlich, daß die Spielregeln akzeptieren muß, wer aus einem
gemeinen Spiel als Sieger hervorgehen möchte. Realismus vor diesem
Hintergrund heißt Gelassenheit in der Gemeinheit.
Künstler
Ein Künstler, der wirklich etwas kann, fragt nicht danach, wie
beeindruckt sein Publikum sein wird, er macht einfach seine Sache. Das
ist beim wissenschaftlichen Experimentieren ebenso: Ein
Wissenschaftler, der Meister seines Fachs ist, zögert nicht; er dringt
immer weiter in die Tiefe der Wirklichkeit vor, der Dinge, wie sie
sind.
Pflicht
Der Unterschied zwischen Gut und Böse
bleibt bestehen, ebenso Verantwortung und Pflicht, wenn mir auch kein
Mensch sagen kann, was meineseine Pflicht ist, und das kann er immer wissen, wenn er die Einheit des Allgemeinen und des Einzelnen ist. Pflicht ist; worauf es ankommt, ist ja nur, daß jeder wisse, was